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Potosí und Cerro Rico — der Berg, der ein Weltreich finanzierte

Wenige Orte tragen die Geschichte des frühneuzeitlichen Welthandels so deutlich in der Landschaft wie der Cerro Rico. Der kegelförmige Berg über dem bolivianischen Altiplano war von 1545 bis ins 19. Jahrhundert die reichste Silberquelle der Menschheit — und der Spiegel eines Wirtschaftssystems, das auf indigener Zwangsarbeit beruhte.

Die Entdeckung 1545

Der Überlieferung nach soll der Inka-Hirte Diego Huallpa 1545 auf das Silbererz gestoßen sein, als er an einem Hang oberhalb der heutigen Stadt Feuer machte. Die spanische Krone reagierte umgehend: Bereits 1546 wurde die Stadt Potosí gegründet, und innerhalb von zwei Generationen wuchs sie auf 160.000 Einwohner — größer als London oder Paris im selben Jahrhundert.

Die Mita — System der Zwangsarbeit

Vizekönig Francisco de Toledo institutionalisierte 1573 die sogenannte „Mita", eine aus dem Inka-Reich entlehnte Arbeitspflicht. Jeder erwachsene indigene Mann eines weiten Einzugsgebiets musste insgesamt sieben Jahre seines Lebens am Cerro Rico ableisten. Die Bedingungen unter Tage und in den Amalgamierhütten waren katastrophal. Schätzungen sprechen von Hunderttausenden Toten über die Jahrhunderte.

Die Patio-Methode und das Quecksilber

Die Silbergewinnung erfolgte zunehmend über die sogenannte Patio-Methode: Erz wurde mit Quecksilber zur Amalgamierung gebracht. Das Quecksilber kam aus Huancavelica in Peru und aus Almadén in Spanien. Quecksilbervergiftung, Staublungen und die Höhenkrankheit auf 4.000 Meter waren ständige Begleiter.

Die Casa de la Moneda

Die 1574 gegründete Münzanstalt von Potosí prägte das berühmteste Handelsgeld der frühen Neuzeit — den „Real de a Ocho", weltweit als „piece of eight" bekannt. Das heutige Münzmuseum gehört zu den eindrucksvollsten kolonialhistorischen Sammlungen Südamerikas.

UNESCO-Welterbe und „Welterbe in Gefahr"

Potosí wurde 1987 ins UNESCO-Welterbe aufgenommen. 2014 fügte die UNESCO den Cerro Rico der Liste „Welterbe in Gefahr" hinzu, da der weiterhin betriebene Bergbau die Statik des Bergs gefährdet. Der Gipfel hat sich messbar abgesenkt.

Heutiger Bergbau

Im Berg wird bis heute gegraben — nicht mehr nach Silber im großen Stil, sondern nach Zinn, Blei und Zinkkonzentraten durch rund 15.000 Männer in genossenschaftlich organisierten Kooperativen. Die Arbeitsbedingungen sind extrem; die Lebenserwartung der Bergleute ist verkürzt.

Besuch unter Tage

Potosí ist einer der wenigen Orte weltweit, an dem Touristen einen aktiv betriebenen Stollen befahren können. Die meisten Touren werden von ehemaligen Bergleuten geführt; übliches Geschenk sind Cocablätter, Sprengstoff und ein Schuss Schnaps für die Männer am Erzgang.

El Tío — der Herr der Unterwelt

In jedem Stollen findet sich eine Tonfigur mit roten Augen, Hörnern und einem stets brennenden Zigarillo: El Tío, „der Onkel". Er ist die Synthese aus katholischer Teufelsfigur und vorkolonialer Andengottheit Supay — Schutzherr und Bedrohung zugleich. Coca, Alkohol und Zigaretten gehören in jede Andacht.

Verantwortlich reisen

Der Bergwerkstourismus in Potosí ist ethisch umstritten. Wer hingeht, sollte ausschließlich mit lizenzierten Genossenschaftsführern fahren, die Anteile an die Mineurkassen abführen. Fotos nur mit Zustimmung, kurze Besuche, keine Pose vor Erschöpften.

Auf der Karte erkunden

Den Cerro Rico und weitere bolivianische Bergbau-Erbestätten finden Sie auf der interaktiven Karte — mit Hinweisen zu Anbietern und Höhenakklimatisierung.